Nun, die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, mit wem wir uns vergleichen. Da fällt mir gleich mein Nachbar ein, der alte Griesgram - immer schlecht gelaunt. In der Arbeit habe ich Kollegen, die manche Dinge nicht ganz so genau nehmen: Pause überziehen, mal etwas für private Zwecke ausdrucken usw. Ein Bekannter von mir betrügt sogar seine Frau! - »Ich bin froh, dass ich nicht so bin wie die anderen ...« - diesen Gedanken kennen wir, oder? Im Spiegelbild könnte man meinen, wenn ich mich so mit anderen vergleiche, schaut mich ein »Heiliger« an. Und so dachte auch der Pharisäer in unserem Tagesvers.
Die zweite Person im Gleichnis von Jesus ist der Zöllner. Dieser brauchte nicht lange nachzudenken, ob er ein guter Mensch war. Er hatte durch die Zusammenarbeit mit den römischen Besatzern sein eigenes Volk verraten und sich durch überhöhte Zölle auch noch selbst bereichert. Als er zum Beten in den Tempel kommt, steht er weit hinten und spricht nur: »Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!«
Was Jesus dann sagt, ist einfach unglaublich: »Dieser (der Zöllner) ging gerechtfertigt hinab in sein Haus im Gegensatz zu jenem (dem Pharisäer).« Der Pharisäer war in seinen eigenen Augen gerecht vor Gott. Er verglich sich einfach mit schlechteren Menschen und war blind für seine eigenen Fehler und Sünden. Der Zöllner jedoch hatte erkannt, dass er Gnade (Vergebung) brauchte - und die bekam er und wurde so für gerecht vor Gott erklärt. D. h., seine Sünden wurden ihm nicht mehr zugerechnet, während der Pharisäer seine Sünden behielt. Es kommt nicht auf die Menge der Sünden an, sondern darauf, ob jemand dafür bezahlt hat. Dann kann man begnadigt werden, nicht weil man selbstgerecht ist, sondern indem man für gerecht erklärt wird.
Stefan Hasewend